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Einige Tiere des Remigiusbrunnens erzählen von Zorn, Wollust und Völlerei

Der Bildhauer Gernot Rumpf hat die Tiere des Remigiusbrunnens nicht naturgetreu gestaltet, das soll auch so sein. Jedes einzelne Tier besitzt außergewöhnliche Merkmale, die seine symbolische Bedeutung unterstreichen. Sie laden ein genauer hinzusehen und mit etwas Humor und Fantasie über die menschlichen Eigenschaften nachzudenken.

Betrachten wir den Stier: Zorn

Der Stier ist wohl eine der eindrucksvollsten Figuren des Brunnens. Die kräftige Körperhaltung vermittelt dem Betrachter Kraft und Energie. Der Künstler hat ihn mit ungewöhnlichen Elementen ausgestattet.
Flügel verleihen ihm scheinbar grenzenlose Beweglichkeit, Räder an den Beinen lassen ihn unaufhaltsam erscheinen und die geballten Fäuste wirken, als wolle er jeden Moment losschlagen. Sein Gesichtsausdruck strahlt Entschlossenheit und vielleicht auch etwas Aggressivität aus.

Im Mittelalter galt der Zorn als eine der gefährlichsten Todsünden. Man glaubte, dass die unbeherrschte Wut zu Gewalt, hass und Vergeltung führt und den Menschen von Vernunft und Glauben entfernt. Mittlerweile wissen wir, dass Wut ein natürliches Gefühl ist und auf Ungerechtigkeiten aufmerksam machen kann. Aber Vorsicht, der Stier soll uns daran erinnern, unsere Emotionen zu kontrollieren und Konflikte oder Auseinandersetzungen mit Besonnenheit zu lösen.

Schauen wir nun auf die balzenden Vögel: Wollust

Die beiden Vögel sitzen ganz dicht beieinander und wenden sich auch einander zu. Ihre Körperhaltung vermittelt Zuneigung und auch Werbung füreinander. Mit ihren geöffneten Schnäbeln und den ausgebreiteten Flügeln scheinen sie mitten in einem Balztanz zu sein. Früher verstand man unter Wollust aber nicht nur körperliche Liebe, sondern jedes ungezügelte Verlangen nach sinnlichem Genuss. Leidenschaft sollte innerhalb klarer moralischer Grenzen bleiben.

Heute sehen wir oft Liebe und körperliche Nähe wesentlich offener. Die Vögel sollen uns dennoch erinnern, dass Beziehungen auf gegenseitigem Respekt, Verantwortung und Vertrauen beruhen sollten. Sie zeigen uns, dass Leidenschaft etwas Schönes sein kann, solange es keinem schadet.

Unser Blick geht auf den Fisch: Völlerei

Der Fisch zählt zu den eindrucksvollsten Symbolfiguren des Brunnens. Sein weit aufgerissenes Maul verschlingt einen kleineren Fisch. Dieses dramatische Bild macht die Bedeutung sofort verständlich. Der Hunger scheint niemals gestillt zu werden.

Früher stand die Völlerei für Maßlosigkeit beim Essen und Trinken. Wer mehr nahm, als er brauchte, galt als egoistisch und undankbar. In Zeiten, in denen Nahrung oft knapp war, war diese Botschaft besonders wichtig. Heute lässt sich die Figur viel umfassender verstehen. Sie steht für unsere Konsumgesellschaft, in der oft immer mehr gewünscht wird- mehr Besitz, mehr Kleidung, mehr Technik, mehr Luxus. Der Fisch soll uns daran erinnern, dass Zufriedenheit nicht durch immer größeren Konsum entsteht.

Die Glucke, die Schlange, den Seehund, den dreiköpfigen Pfau und die kleinen Tiere betrachten wir in der nächsten Ausgabe. Man darf sehr gespannt sein, welche Sünden noch eine Rolle spielen.

Text: Daniela S. Knittel
Fotos: Uwe Rieder