Kinder ziehen mit Laternen durch die Straßen und singen Lieder. Ein Mann auf einem Pferd, der als römischer Hauptmann verkleidet ist, zerteilt seinen Mantel und gibt ihn einem Bettler, damit der nicht erfrieren muss. Zur selben Zeit treffen sich Familien zu einem opulenten Martins-Gans-Essen inklusive Rotkohl und Klößen. Passt das zusammen?
Beides sind Traditionen, die sich zum Gedenktag des heiligen Martin am 11. November entwickelt haben. Martin von Tours war ein aus dem heutigen Ungarn stammender römischer Hauptmann, der im 4. Jahrhundert gelebt hat. Die Begegnung mit dem Bettler scheint sich so abgespielt zu haben, passt aber jedenfalls in die Lebensweise, für die er sich nach seinem Dienst als Soldat entschieden hat. Denn einige Jahr später, als Martin 34 oder 35 Jahre alt war, ließ er sich taufen und zog sich schließlich als Einsiedler zurück. Als sich später weitere Gleichgesinnte zu ihm gesellten, bildeten sie eine Gemeinschaft, die in Einfachheit zusammenlebte.
Dieses Leben konnte er nicht aufrecht erhalten, weil die Bevölkerung ihn zum Bischof ernennen wollte. Laut seinem Biographen Sulpicius Severus soll er sich dagegen gesträubt haben und sich in einem Gänsestall versteckt haben. Das Geschnatter der Gänse hat ihn dann schließlich verraten. So spielen Gänse zumindest in der Legende vom heiligen Martin eine Rolle.
Der Brauch der Martinsgans hat aber noch einen anderen Hintergrund. Traditionell war der 11. November, also der Gedenktag des heiligen Martin, der Tag, an dem das Jahr für die Bauern endete. Löhne oder Zinsen wurden an diesem Tag ausgezahlt, häufig auch in Naturalien wie Gänsen. Der Tag bot also den Anlass für ein ausschweifendes Fest. Hinzu kommt, dass nach dem 11. November auch die Fastenzeit vor Weihnachten begann. Ähnlich wie heute noch an Karneval wurde vor dem Fasten noch einmal ordentlich gefeiert.
Andreas Hahne