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Der Tag beginnt am Vorabend – Warum manche Tage länger sind als andere

Als ich vor etlichen Jahren das erste Mal einige Tage im Kloster verbracht habe, sorgte der Mönch beim Abendessen bei einigen für Verwirrung, indem er die erste Kerze des Adventskranzes anzündete. Der erste Advent war nämlich erst am Tag darauf, heute war Samstag. Lächelnd entgegnete der Mönch: "Sonntage beginnen schon am Abend vorher. Deswegen können wir heute schon den ersten Advent feiern."

Schaut man in die Gottesdienstpläne unserer Pfarre, erklärt das auch, warum samstagsabends in der Kirche St. Helena und in der Grabeskirche Sonntags-Gottesdienste gefeiert werden: die sogenannten Vorabendmessen. Im Direktorium, eine Art vom Bischof vorgegebener Kalender, heißt es dazu knapp: "Die Messe am Vorabend von Sonntagen und Hochfesten darf erst ab 17.00 Uhr beginnen." Neben den Sonntagen gilt diese Regel also auch für Hochfeste wie Verkündigung des Herrn, Mariä Empfängnis oder Allerheiligen. Bei Weihnachten und Ostern ist es noch einmal etwas komplizierter.

Diese Tradition stammt wie so vieles aus dem Judentum. Erklärt wird das mit der Schöpfungserzählung im ersten Kapitel der Bibel. Dort heißt es: "und es war Abend und es war Morgen, ein Tag". Bis heute beginnt im Judentum der höchste Feiertag der Woche, der Schabbat, am Freitagabend bei Sonnenuntergang.

Neben der Vorabendmesse zeigt sich diese Regelung auch im Stundengebet der Kirche. An jedem Tag wird unter anderem ein Abendgebet, die Vesper, gebetet. Sonntage (und Hochfeste) haben aber zwei Vespern: eine am Vorabend zum Beginn des Tages und eine am Tag selbst. Der Samstag hat also keine eigene Vesper. Kompliziert wird es dann, wenn ein Hochfest beispielsweise auf einen Samstag fällt, wie etwa in diesem Jahr an Allerheiligen.

Wichtiger als die Regeln und Besonderheiten im Detail zu verstehen, scheint aber, wie man es geistlich interpretieren kann. Wenn der Tag – zumindest der Sonntag – am Vorabend beginnt, dann fängt der Tag nicht mit der Arbeit an, sondern mit der Ruhe des Abends und der Nacht. Am Samstagabend kann das eine gute Gelegenheit sein, all das, was in der Woche anstrengend war, hinter sich zu lassen, und zum Beginn des Sonntags in eine neue Woche zu starten. Und am ersten Advent beginnt zudem auch noch ein neues Kirchenjahr – ein doppelter Neustart.

Sie dürfen also getrost schon am 29. November die erste Kerze am Adventskranz anzünden und nicht erst am 30. November, dem ersten Advent 2026.

Andreas Hahne