
Halleluja! Ein Wort auf Abwegen
Haben Sie heute schon einer nervigen oder auch schönen Situation sprachlich passenden Ausdruck verliehen? Das geht bekanntlich am besten mit kräftigen Worten, mit Worten, die was hermachen, die einen satten Klang besitzen und zusätzlich zu aller Beschreibung bildhaft klarmachen, wie die Situation wirklich war oder ist.
In diesem Zusammenhang werden gerne instinktiv theologische, im weitesten Sinne biblische Begriffe verwendet – die versteht ja auch (nahezu?) jede und jeder. „Der Andrang an der Kasse war echt die Hölle.“ (Na, wenn die Hölle so aussieht …) „Bei der Hitze ist die Klimaanlage im Auto ein wahrer Segen.“ „Dieses Buch war wie eine Offenbarung für mich.“ (Kennt da jemand das Johannesevangelium?) Kassenschlange, Klimaanlage, lesenswertes Buch – alles ganz alltäglich. Ein Alltag, in dem religiöse Begriffe – aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen – zu ganz normalen starken Ausdruck verleihenden Worten werden. Da werden gute Nachrichten zum Evangelium, Umweltschützer führen einen Kreuzzug gegen Umweltsünden, der schicke Urlaubsort wird zum Paradies oder zum „Himmel auf Erden“ (und die Bahamas zum Steuerparadies!) und besonders hilfreiche Personen steigen zur Position des Engels auf.
Um Himmels willen, was ist da los? Sprache wird oft unbedacht verwendet – klappt ja auch in den meisten Fällen. Tut niemandem weh, den Segen, das Paradies, den Himmel und die Hölle gelegentlich zu erwähnen.
Aber halleluja, da vermischen sich die Welten! Das Wort „Halleluja“ – um das soll es heute gehen – hat eine steile Veränderung oder sollte ich besser „Begriffserweiterung“ vollzogen. Der Begriff „Halleluja“ – mit Betonung auf der ersten Silbe – findet in verschiedenen menschlichen Lagen Anwendung: Erschrecken. Erstaunen. Begeisterung. Verwunderung. Ablehnung. Genervtheit. Wie man erkennt, um welche Gefühlslage es beim Ausruf von „Halleluja“ geht? Am Gesichtsausdruck in erster Linie. Am Tonfall in zweiter Linie. Und an den dem „Halleluja“ angefügten Worten wie „Sakrament“ (da geht es um nichts Gutes), „hast du mich erschreckt“ (versteht sich von selbst), „wasnjetztwiederlos“ (Genervtheit).
Etymologisch kommt „Halleluja“ aus dem hebräischen. Die erste Silbe bedeutet „lobet“, die zweite ist die Kurzform von Jahwe. In der jüdischen und christlichen Tradition ist es eindeutig: „Halleluja“ ist ein Ruf des Lobpreises, der Freude und des Dankes. Er richtet sich an Gott. Die Psalmen beispielsweise beginnen oder enden mit „Halleluja“. Gleich 27 Einträge im Gotteslob verweisen auf Gesänge dieses Namens. Gerne wird Leonard Cohens „Halleluja“ auf Trauerfeiern gespielt, die Halleluja-Rufe aus Taizé sind beliebt und Goerg Friedrich Händel hat dem Lobpreis mit seinem Chorsatz ein Denkmal gebaut.
Halleluja – jetzt haben wir’s verstanden! Gott sei Dank (noch so ein Ausdruck aus dem theologischen, der ins Alltägliche übergegangen ist) …
Sigrid Blomen-Radermacher
