
Primiz - die erste Messe eines neugeweihten Priesters
Über drei Jahre liegt meine Priesterweihe mittlerweile zurück. Mindestens genauso aufregend wie der Weihe-Gottesdienst im Aachener Dom war der Tag danach, denn am 28. Mai habe ich zum ersten Mal einer Messe vorgestanden. Entsprechend groß war die Anspannung, aber natürlich auch die Freude, dass es nach vielen Jahren des Studiums, der Berufseinführung und überhaupt der Klärung dieser Berufung endlich so weit war. Schließlich ist es das, was den Dienst eines Priesters ganz besonders auszeichnet: einer Messe vorzustehen und sie mit der Gemeinde zu feiern. Und auch für die Gemeinde war es ein besonderer Tag mit Chor und viel Musik, zumal eine Priesterweihe zu einem seltenen Ereignis geworden ist. Folglich auch die erste Messe eines neugeweihten Priesters.
Diese Feier wird traditionell als Primiz bezeichnet. Diesem Begriff soll hier zuerst nachgegangen werden. Anschließend wird noch auf die Besonderheit des Primiz-Segens und dem damit verbundenen Ablass eingegangen.
Primiz - Erstlingsfrucht der Ernte
Der lateinische Begriff bezeichnet ursprünglich die Erstlingsfrüchte einer Ernte. In Zeiten, in denen das Schicksal der Menschen stärker vom Erfolg einer Ernte abhing als im heutigen Mitteleuropa, war es den Menschen ein Bedürfnis, Gott dafür zu danken, dass die Ernte eingefahren war.
Entsprechend präsent ist dieses Thema auch in der Bibel. Schon Abel bringt Gott ein Opfer “von den Erstlingen seiner Herde” (vgl. Gen 4,4). Im Buch Deuteronomium wird das als göttliche Vorschrift erlassen: “Du sollst den ersten Ertrag von Korn, Wein und Öl und den ersten Ertrag der Schafschur geben.” (Dtn 18,4). In drei jüdischen Festen schlägt sich das nieder: besonders beim Wochenfest Schawuot, fünfzig Tage nach Pessach, bei dem zur Zeit des jüdischen Tempels die ersten Früchte der Ernte als Dankopfer nach Jerusalem gebracht wurden, aber auch beim Pessachfest selbst zur Zeit der Gerstenernte und beim Laubhüttenfest Sukkot im Herbst. In einem Abschnitt der Mischna, also einer Sammlung jüdischer Religionsgesetze, heißt es zu den Pilgerfahrten nach Jerusalem:
Die in der Nähe [Wohnenden] brachten Feigen und Weinreben, die in der Ferne [Wohnenden] brachten getrocknete Feigen und Rosinen. Vor ihnen herging der Stier, die Hörner mit Gold bedeckt, mit einem Olivenkranze auf dem Kopfe, und voran erscholl die Flöte, bis sie nahe Jerusalem kamen. Als sie in der Nähe von Jerusalem waren, schickten sie [Boten] voraus und schmückten die Erstlinge. Sodann kamen die Verwalter, die Vertreter und die Schatzmeister entgegen, und zwar kamen sie entsprechend dem Ansehen der Ankommenden, und alle Handwerker Jerusalems standen vor ihnen auf und begrüßten sie: Brüder, Männer aus dem Orte N., in Friede sei euer Kommen! (Traktat Bikkurim, 3,3)
Auch auf Menschen wird dieser Gedanke angewendet. Das zeigt sich nach der Geburt Jesu. Maria und Josef ziehen zum Tempel nach Jerusalem, um den Neugeborenen dort “darzustellen”, wie es die Kirche am 2. Februar feiert: “Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn heilig genannt werden”, heißt es im Lukasevangelium (Lk 2,23, vgl. Ex 13,2). Darin wird die Erstlingsfrucht der Ernte auf die erstgeborenen Nachkommen übertragen, auch sie haben eine besondere Bedeutung. Im Kolosser-Hymnus schließlich bezeichnet Paulus Jesus als den “Erstgeborene[n] der ganzen Schöpfung” (Kol 1,15). Die Erstlinge haben also einen besonderen Wert.
So wird es dann auch auf die Eucharistiefeier übertragen. Das ist nicht abwegig, denn auch darin stehen Nahrungsmittel im Zentrum: Brot und Wein. Als Geschenk Gottes und als “Frucht der Erde bzw. des Weinstocks und der menschlichen Arbeit” werden sie in einem Gebet bezeichnet, das der Priester bei der Gabenbereitung lange spricht. Zugleich wird hier deutlich: es geht hier um die Gaben, die Gott den Menschen geschenkt hat und die dieser nun zurückbringt, damit Gott durch den Heiligen Geist etwas ganz Neues daraus schafft: Leib und Blut Christi. Im ersten Hochgebet betet der Priester: “Denn durch ihn [Christus] erschaffst du immerfort all diese guten Gaben, gibst ihnen Leben und Weihe und spendest sie uns.” Nicht der Priester ist hier also die Erstlingsgabe und erst recht nicht das Opfer, sondern die Nahrungsmittel, die durch die Messfeier dann zum einzigen und einmaligen Opfer werden: zu Jesus Christus.
Als Zwischenfazit lässt sich also festhalten: die erste Messe ist emotional etwas Besonderes für den Neupriester und für die mitfeiernde Gemeinde und sollte deshalb besonders feierlich begangen werden, sie besitzt aber keinen größeren Wert oder bringt keinen größeren Nutzen als jede andere Messfeier. Ein Gedanke, den ich dazu einmal gehört habe, lautet: “Ein Priester sollte jede Messe so wie seine erste feiern – und so wie seine letzte.”
Um die erste Messe, die Primiz, herum gesellen sich weitere Begriffe wie die erste Messe in der Heimatkirche, die Heimatprimiz, oder weitere Messen an anderen Orten wie dem Studien- oder Praktikumsort, die dann als Nachprimizen bezeichnet werden. Diese Begriffe sind insofern unpräzise, weil sie die Primiz auf weitere Messen ausweiten. Umgekehrt wäre es auch legitim, jede Messe nach der Primiz als Nachprimiz zu bezeichnen. Tatsächlich wird dieser Terminus aber auf das erste Jahr nach der Priesterweihe beschränkt. Das hängt wohl vor allem mit dem Primizsegen zusammen.
Der Primizsegen – ein besonderer Segen?
“Für einen Primizsegen sollte man sogar ein Paar Schuhe löchrig gehen”, sagt der Volksmund. Er gilt als besonders wirksam. Aber was bewirkt ein Segen überhaupt?
Grundsätzlich verändert ein gesprochener Segen wie jeder gesprochene Satz die Wirklichkeit. Wer jemanden lobt oder tadelt, löst im Angesprochenen eine Veränderung aus. Das ist beim Segen nicht anders. Zugleich ist die Wirkung eines Segens nicht messbar, denn ein Segen ist keine Zauberformel.
Vom lateinischen Wort für Segen – benedicere – lässt sich ableiten, dass man etwas “Gutes sagt”, wenn man eine Person oder einen Gegenstand segnet. Christlich gedeutet wird dadurch die Gegenwart Gottes erfahrbar gemacht: die Beziehung zu Gott wird gestärkt. Durch eine Geste kann diese Erfahrung noch verstärkt werden, etwa indem schützend die Hände ausgebreitet werden oder die Handauflegung ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Diese Segensgeste kennt auch die Bibel: “Dann erhob Aaron seine Hände über das Volk und segnete es. Nachdem er so das Sünd- und das Brandopfer sowie das Heilsopfer vollzogen hatte, stieg er herunter” (Lev 9,22) Und: “Dann führte [Jesus] sie hinaus in die Nähe von Betanien. Dort erhob er seine Hände und segnete [die Jünger]” (Lk 24,50).
Gerade aus dem zweiten Zitat geht noch etwas Weiteres hervor. Der Segen im christlichen Sinn geht nicht von Menschen aus, sondern von Gott selbst. Die Kirche segnet nur im Auftrag des Herrn. Da jeder Getaufte Anteil am Priestertum Christi hat – das II. Vatikanische Konzil spricht in der Dogmatischen Konstitution Lumen gentium (LG) vom “gemeinsamen Priestertum aller Getauften” (LG 10) – kann auch jeder Getaufte im Namen Gottes segnen.
Zugleich sind einige Segnungen, die die Kirche als Gemeinschaft betreffen, Diakonen, Priestern oder Bischöfen vorbehalten. So dürfen nur Bischöfe eine Kirchen- oder Altarweihe vornehmen, die eine Segnung mit Chrisam-Öl darstellen. Hier werden die Gebäude oder Gegenstände einem neuen Zweck zugewiesen; die Segnungen sind also konstitutiv (benedictio constitutiva).
Im Primizsegen zeigt sich nun einiges von dem vorhergenannten. Nach der Messe kann der Neupriester, der Primiziant, diesen Segen der ganzen Gemeinde zusprechen, indem er die Hände ausbreitet oder indem er jedem einzelnen die Hände auflegt. Hier wird besonders deutlich, dass der Segen immer auch ein Beziehungsgeschehen ist: sichtbar zwischen zwei Menschen und unsichtbar zwischen Gott und einem Menschen. Der Priester spricht dabei die Worte:
Durch die Ausbreitung (Auflegung) meiner Hände und durch die Anrufung der seligen Jungfrau Maria, des heiligen (Namenspatron der Person) und aller Heiligen segne und behüte dich der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.
Als Erinnerung an den Segen wird häufig noch ein gedrucktes Primizbild mit einer biblischen oder ähnlichen Darstellung an alle Gesegneten verteilt, auf der Rückseite stehen die Daten der Weihe oder der Primizspruch, den sich der Priester als eine Art Motto für sein Leben auswählt. Bei mir stammt er aus dem Römerbrief: “Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden!” (Röm 12,15)
Sachlich unterscheidet sich solch ein Primizsegen nicht von einem anderen Segen durch einen Priester. Doch einmalig kann dieser Segen seit Paul VI. als päpstlicher Segen gespendet werden, der dann mit einem Ablass verbunden ist. Auf diesen sperrigen Begriff soll zum Abschluss noch ein Blick geworfen werden.
Ablass
Ablässe werden meist mit dem Mittelalter bzw. besser gesagt mit der Reformation durch Martin Luther verbunden, der den kommerziellen Handel der Kirche mit Ablassbriefen (zurecht) kritisierte. Doch Ablässe gibt es in der katholischen Kirche bis heute, allerdings nicht mehr gegen Bezahlung.
Dahinter steht die zwischenmenschliche Erfahrung, dass sich einmal gemachte Fehler nur mühsam wieder aus der Welt schaffen lassen. Wenn wir bewusst etwas falsch machen, also eine Sünde begehen, gefährdet das eine Beziehung – zu einem Mitmenschen, zu Gott oder auch zu uns selbst. Selbst wenn uns der Fehler von der geschädigten Person nach einem klärenden Gespräch verziehen oder von Gott in der Beichte vergeben wird, bleibt ein Schaden zurück.
Ein einfaches Beispiel: Im Streit habe ich eine Vase zu Boden geworfen, die der anderen Person viel bedeutet hat. Selbst wenn ich das hinterher bereue und mir die Person verzeiht, bleibt die Vase zerstört. Als Wiedergutmachung kann ich eine gleichwertige neue Vase kaufen, ohne den ideellen Wert dadurch ersetzen zu können. Wenigstens drücke ich dadurch meinen Willen zur Wiedergutmachung aus. Die zusätzlichen Kosten für mich sind dann sozusagen die gerechte Strafe.
Dieser Gedanke liegt auch dem Ablass zugrunde: Die Folgen einer Sünde, die einem durch die Beichte von Gott bereits vergeben worden ist, sind nicht aus der Welt, z.B. bleibt eine Beziehung durch eine Tat dauerhaft geschädigt. Hierfür ist Wiedergutmachung nötig, die das Bemühen ausdrückt, das Verhältnis wieder zu verbessern. Die geschieht beispielsweise durch gute Werke, Gebete und Wallfahrten, die den Willen zum Besseren ausdrücken. Manche Verfehlung kann in diesem Leben aber möglicherweise nicht wiedergutgemacht werden; die Strafe reicht dann über den Tod hinaus in die Zeit der Reinigung, die auch als Fegefeuer bezeichnet wird und auf den Himmel vorbereitet. Und genau diese Zeit kann durch einen Ablass vermieden werden.
Solch ein Ablass kann man unter anderem bei einer Primizfeier erhalten. Zuvor müssen dafür einige Bedingungen erfüllt werden: Empfang des Beichtsakraments und der heiligen Kommunion sowie ein Gebet in der Meinung des Papstes.
Auch wenn die Begriffe sperrig bleiben und durch die Geschichte belastet sind, drückt sich darin der Wunsch des Menschen aus, versöhnt mit seiner Mitwelt zu leben. Jeder Segen, ob von einem Priester oder einer anderen Person gesprochen, drückt die Zusage aus, dass Gott seine schützende Hand über die Welt hält und harmonische Beziehungen untereinander schaffen möchte. Der Primizsegen, gerade wenn er als persönlicher Segen empfangen wird, kann diese Beziehung erfahrbar machen: sowohl für den, der den Segen empfängt, als auch für den, der ihn ausspricht. Deswegen kann man für einen Segen tatsächlich seine Schuhe löchrig laufen.
Andreas Hahne
